Das Problem von Zelle 13

von Jacques Futrelle

I

Nahezu sämtliche Buchstaben des Alphabets, die übrig blieben, als August S. F. X. Van Dusen seinen Namen erhalten hatte, wurden von diesem Gentleman im Laufe einer glänzenden wissenschaftlichen Karriere erworben und zu dieser Ehre an das Ende seines Namens gesetzt. Berücksichtigte man, was die Buchstaben alles bedeuteten, war sein Name ein außerordentlich imposantes Konstrukt. Er war ein Ph. D, LL. D, ein FRS, ein MD und ein M. D. S. Er hatte noch einige Titel mehr – die er selbst kaum alle aufzählen konnte – und die ihm in Anerkennung seiner Verdienste durch verschiedene Bildungs- und Wissenschafts-Einrichtungen des Auslandes verliehen worden waren.

Sein Aussehen wusste nicht weniger zu beeindrucken. Er war schlank und die für einen Gelehrten charakteristisch schmalen Schultern sowie die Blässe seines glattrasierten Gesichtes verrieten, dass er sein Leben vorrangig zurückgezogen und sitzend zugebracht hatte. Seine Augen begleitete ein dauerndes, unnahbares Blinzeln – das Blinzeln eines Mannes, der kleine Dinge studierte – und wenn die Augen überhaupt durch die dicken Brillengläser zu sehen waren, dann nur als wasserblaue Schlitze. Über ihnen fand sich jedoch sein auffälligstes Merkmal, eine große, weite Stirn, nahezu abnorm in Höhe und Breite, die durch einen Schopf buschigen, blonden Haares gekrönt wurde. All dies zusammengenommen ließ ihn als eigentümliche, fast schon groteske Person erscheinen.

Professor Van Dusen war entfernt deutscher Abstammung. Seit Generationen hatten seine Vorfahren sich in den Wissenschaften hervorgetan und er war die logische Folge, das Meisterhirn. Nebenbei bemerkt: Professor Van Dusen trug Hutgröße acht.

Die ganze Welt hatte von ihm als der Denkmaschine gehört. Ein Beiname, den eine Zeitung ihm gab, nachdem er anlässlich eines Schachturniers in bemerkenswerter Weise demonstrieren konnte, wie es einem blutigen Anfänger kraft unausweichlicher Logik gelang, einen Champion zu besiegen, der dem Studium dieses Spiels sein ganzes Leben gewidmet hatte. Die Denkmaschine! Vielleicht charakterisierte ihn dieser Name besser als alle Ehrentitel.

Nur gelegentlich empfing die Denkmaschine Besucher und gewöhnlich handelte es sich dabei um Männer, die selbst hohe wissenschaftliche Ämter innehatten und ihn aufsuchten, um einen bestimmten Sachverhalt zu erörtern und sich möglicherweise eines Besseren belehren zu lassen. Zwei dieser Männer, Dr. Charles Ransome und Alfred Fielding, trafen eines Abends ein, um eine Theorie zu diskutieren, die hier nicht weiter von Bedeutung ist.

„So etwas ist unmöglich“, behauptete Dr. Ransome im Verlauf der Unterhaltung nachdrücklich.

„Nichts ist unmöglich“, erklärte die Denkmaschine mit gleicher Bestimmtheit und wie immer mit gereizter Stimme. „Der Geist ist Herr über alle Dinge. Wenn die Wissenschaft diese Tatsache uneingeschränkt anerkennen würde, wäre dies bereits ein großer Fortschritt.“

„Wie ist es zum Beispiel mit einem Luftschiff?“, fragte Dr. Ransome.

„Das ist ganz und gar nicht unmöglich“, verkündete die Denkmaschine. „Es wird irgendwann erfunden werden. Ich würde es selbst tun, bin aber zu beschäftigt.“

Dr. Ransome lächelte nachsichtig.

„Ich habe Sie solche Sachen schon öfter sagen hören. Aber das heißt noch nichts. Der Geist mag die Materie beherrschen, es ist jedoch kein Weg gefunden worden, dies zu beweisen. Es gibt Dinge, die sich in ihrer Existenz nicht einfach wegdenken lassen, oder besser gesagt, die durch Denken allein beeinflusst werden können.“

„Welche beispielsweise?“, fragte die Denkmaschine.

Dr. Ransome überlegte einen Augenblick, während er rauchte.

„Nun, zum Beispiel Gefängnismauern“, antwortete er. „Keiner kann sich aus einer Zelle denken. Wenn es jemand könnte, gäbe es bald keine Gefangenen mehr.“

„Ein Mensch kann aber sein Hirn und seinen Einfallsreichtum nutzen, um aus einer Gefängniszelle zu entkommen – was auf dasselbe hinausläuft“, blaffte die Denkmaschine zurück.

Dr. Ransome zeigte sich amüsiert.

„Gesetzt den Fall“, sagte er nach einem Augenblick, „es handele sich um eine Zelle für Gefangene, die zum Tode verurteilt wurden, wenn Sie in eine solche Zelle gesperrt würden, Sie würden sich daraus befreien können?“

„Sperren Sie mich zu jeder Zeit in eine beliebige Zelle eines beliebigen Gefängnisses, nur mit dem Notwendigsten bekleidet und ich werde innerhalb einer Woche ausbrechen“, erklärte die Denkmaschine scharf.

Dr. Ransome richtete sich interessiert in seinem Stuhl auf. Mr. Fielding zündete sich eine neue Zigarre an.

„Ist das Ihr Ernst?“

„Gewiss ist es das.“

Dr. Ransome und Mr. Fielding blieben lange Zeit still.

„Wären Sie bereit, es zu versuchen?“, fragte Mr. Fielding schließlich.

„Gewiss“, sagte Professor Van Dusen, „Ich habe schon Idiotischeres getan, um andere Menschen von weniger wichtigen Wahrheiten zu überzeugen.“

Natürlich war es absurd, aber Professor Van Dusen bekräftigte, er sei bereit, eine Flucht aus dem Gefängnis zu versuchen und so war es beschlossen.

„Wir fangen sofort an“, sagte Dr. Ransome.

„Ich würde es vorziehen, morgen damit zu beginnen“, sagte die Denkmaschine, „denn –“

„Nein, jetzt“, sagte Mr. Fielding rundheraus. „Sie sind festgenommen, im übertragenen Sinne natürlich und werden ohne jede Vorwarnung in eine Zelle gesperrt, so dass Sie keine Gelegenheit haben, mit Freunden in Kontakt zu treten.“

„Einverstanden, dann eben jetzt“, sagte die Denkmaschine und erhob sich.

„Sagen wir, die Todeszelle im Gefängnis von Chisholm.“

„Die Todeszelle im Gefängnis von Chisholm.“

„Und was werden Sie bei sich tragen?“

„So wenig wie möglich“, sagte die Denkmaschine. „Schuhe, Socken, Hose und Hemd.“

Es gab einige Anstalten zu treffen, um ein solches Experiment genehmigen zu lassen, da aber alle drei einflussreiche Männer waren, konnte alles zufriedenstellend über das Telefon geregelt werden.

Nachdem die Denkmaschine sich für die Inhaftierung umgezogen hatte, wurde die kleine alte Frau gerufen, die für Van Dusen arbeitete.

„Martha“, sagte die Denkmaschine, „es ist jetzt 9:27 Uhr. Ich gehe nun. In einer Woche, um halb neun abends, werden diese Herren und ein bis zwei weitere Personen ein Abendessen mit mir hier einnehmen. Denken Sie daran, dass Dr. Ransome besonders gerne Artischocken isst.“

Die drei Männer wurden zum Gefängnis von Chisholm gefahren, wo der Gefängnisdirektor bereits auf sie wartete, der über die Angelegenheit telefonisch informiert worden war. Dieser hatte nur verstanden, dass der berühmte Professor Van Dusen eine Woche lang sein Gefangener sein sollte, vorausgesetzt, es gelänge, ihn solange festzuhalten und dass dieser kein Verbrechen begangen habe, aber so behandelt werden solle wie jeder andere Häftling auch.

„Durchsuchen Sie ihn“, wies Dr. Ransome an.

Die Denkmaschine wurde durchsucht. Nichts wurde bei ihm gefunden, die Hosentaschen enthielten nichts und das weiße, gestärkte Hemd verfügte über keine Taschen. Schuhe und Socken wurden ausgezogen und untersucht, dann wieder zurückgegeben. Dr. Ransome beobachtete die peinlich genauen Vorkehrungen und nahm währenddessen den beinahe mitleiderregenden Körper Van Dusens wahr, das farblose Gesicht, die dürren, weißen Hände – fast bedauerte er seine Rolle in dieser Angelegenheit.

„Sind Sie sicher, dass Sie das machen wollen?“, fragte er.

„Wären Sie überzeugt, wenn ich es nicht täte?“, fragte die Denkmaschine zurück.

„Nein.“

„In Ordnung. Dann werde ich es tun.“

Jegliches Mitgefühl, das Dr. Ransome empfunden haben mochte, hatte der Ton der Äußerung vertrieben. Er sah sich herausgefordert und beschloss, das Experiment bis zu seinem Ende durchzuführen, um dieser Arroganz einen Schlag zu versetzen.

„Es ist ausgeschlossen, dass er nach außen kommunizieren kann?“, fragte Dr. Ransome.

„Absolut unmöglich“, erwiderte der Direktor. „Schreibutensilien jeglicher Art sind hier nicht gestattet.“

„Und würden Ihre Wärter eine Nachricht weiterleiten?“

„Nicht ein Wort.“

„Natürlich wissen Sie, dass Sie ihn im Fall, dass er aufgibt“, sagte Dr. Ransome, „und um seine Freiheit bittet, sofort freizulassen haben?“

„Das habe ich verstanden, ja“, antwortete der Gefängnisdirektor.

Die Denkmaschine hatte still daneben gestanden und zugehört, sagte jetzt aber plötzlich:

„Ich hätte noch drei kleine Bitten. Sie können sie mir gewähren oder nicht, wie Sie wollen.“

„Jetzt aber keine Sonderwünsche“, warnte Mr. Fielding.

„Ich bitte um keine“, antwortete Van Dusen steif.

„Ich hätte nur gern etwas Zahnpulver – Sie können es selber kaufen, um sicherzustellen, dass es sich wirklich um Zahnpulver handelt – außerdem eine Fünf-Dollar- und zwei Zehn-Dollar-Noten.“

Dr. Ransome, Mr. Fielding und der Direktor sahen sich erstaunt an. Die Bitte um Zahnpulver überraschte sie nicht, wohl aber die um Geld.

„Gibt es irgendjemanden, mit dem unser Freund in Kontakt geraten könnte, der sich mit fünfundzwanzig Dollar bestechen ließe?“, fragte Dr. Ransome den Direktor.

„Nicht mal mit fünfundzwanzigtausend Dollar.“

„Nun, lassen wir sie ihm“, sagte Mr. Fielding. „Ich denke, das hat keine Folgen.“

„Und wie lautet die dritte Bitte?“, fragte Dr. Ransome.

„Ich würde mir gerne noch mal die Schuhe putzen lassen.“

Wieder wurden Blicke gewechselt. Diese letzte Bitte war der Gipfel an Absurdität und man gewährte sie ihm ohne Weiteres. Nachdem dies alles geregelt worden war, führte man die Denkmaschine wieder in das Gefängnis.

„Hier ist Zelle 13“, sagte der Gefängnisdirektor und blieb an der dritten Tür des stählernen Korridors stehen. „Hier werden verurteilte Mörder eingesperrt. Die Zelle liegt nur drei Türen von meinem Büro entfernt und ich kann jedes ungewöhnliche Geräusch hören.“

Die schwere Stahltür wurde geöffnet, man hörte das hastige Trippeln kleiner Füße und die Denkmaschine trat in die Dunkelheit der Zelle ein. Anschließend wurde die Tür verschlossen und durch den Direktor persönlich zweifach zugesperrt.

„Was sind das für Geräusche?“, fragte Dr. Ransome durch die Gitterstäbe.

„Ratten – Dutzende davon“, antwortete die Denkmaschine knapp.

Die drei Männer wünschten eine gute Nacht und wandten sich gerade zum Gehen, als Van Dusen rief:

„Wieviel Uhr haben wir, Herr Direktor?“

„Elf Uhr siebzehn.“

„Danke. Ich werde mit den Herren in Ihrem Büro wieder zusammentreffen, in einer Woche von heute abend an gerechnet, um halb acht Uhr“, sagte die Denkmaschine.

„Und wenn nicht?“

„Ein ‚wenn nicht‘ ist ausgeschlossen.“

II

Das Gefängnis von Chisholm war ein riesiges, weitläufiges und aus Granit gebautes Gebäude mit insgesamt vier Stockwerken, das inmitten eines offenen Feldes stand. Es war von einer massiven, achtzehn Fuß hohen Mauer umschlossen, die innen und außen so glatt war, dass nicht einmal ein erfahrener Bergsteiger einen Halt hätte finden können. Obenauf war als zusätzliche Sicherung ein fünf Fuß hoher Zaun mit angespitzten Eisenstäben angebracht.

Zu jeder Tageszeit standen im Hof insgesamt vier bewaffnete Wachen, jeweils eine patrouillierte eine Seite des Gefängnisgebäudes. In der Nacht wurde der Hof fast so hell erleuchtet wie am Tage. Auf jeder der vier Seiten gab es hohe Bogenlampen, die über die Gefängnismauer ragten und den Wachen zu einer klaren Sicht verhalfen.

Um dies alles durch das vergitterte Zellenfenster sehen zu können, hatte Professor Van Dusen auf das Bett steigen müssen. Es war der Morgen nach seiner Inhaftierung. Irgendwo da drüben, jenseits der Gefängnismauer, musste sich der Fluss befinden, denn er hatte das leise Tuckern eines Motorbootes gehört und weit oben am Himmel einen Wasservogel beobachtet. Aus der gleichen Richtung konnte man das Geschrei spielender Jungen hören, gelegentlich gefolgt vom Geräusch eines getroffenen Balls.

Das Gefängnis von Chisholm galt als absolut sicher. Niemandem war je die Flucht gelungen. Von seinem Ausguck auf dem Bett aus begriff die Denkmaschine, warum. Die Wände der Zelle, vor etwas mehr als zwanzig Jahren erbaut, waren vollkommen massiv und die Eisengitter wiesen nicht eine Spur von Rost auf. Das Fenster würde bei einem Ausbruch auch ohne Gitterstäbe kaum nützen, so klein war es.

Doch die Denkmaschine ließ sich von diesen Umständen nicht entmutigen. Stattdessen richtete Van Dusen seinen Blick nachdenklich auf eine der Bogenlampen – die jetzt, mitten am Tag im hellsten Sonnenschein lag – und folgte mit seinen Augen dem Stromkabel, dass von dort aus zum Gebäude führte. Das elektrische Kabel, überlegte er, musste auf seiner Gebäudeseite in nicht allzu großer Entfernung von seiner Zelle verlaufen.

Zelle 13 befand sich auf dem gleichen Stockwerk wie die Büros des Gefängnisses. Es führten vier Treppenstufen dorthin, was bedeutete, dass der Fußboden der Zelle nur drei oder vier Fuß über der Erde liegen konnte. Direkt unter seinem Fenster konnte er zwar den Boden nicht sehen, dafür etwas weiter in Richtung zur Mauer hin. Ein Sprung aus dem Fenster wäre unproblematisch.

Die Denkmaschine erinnerte sich an den Weg zur Zelle. Da war zunächst die Wache, deren Posten in die Mauer eingelassen war. Dort befanden sich zwei schwere Gittertore aus Stahl, an denen immer ein Wärter bereitstand. Das Büro des Direktors lag im Gebäude und um vom Hof aus dorthin zu gelangen, musste man eine Türe aus massivem Stahl passieren, die lediglich mit einem Guckloch versehen war. Von diesem Büro im Innern aus folgten auf dem Gefängnisflur bis zur Zelle 13 eine schwere Holztür und zwei weitere Stahltüren und zuletzt wäre noch die doppelt verschlossene Zelle selbst zu beachten…

Es galt also, überschlug die Denkmaschine, insgesamt sieben Türen zu überwinden, ehe man die Außenwelt als freier Mann erreichen konnte.

Es gab nichts, absolut nichts in seiner Zelle außer seinem Stahlbett. Es gab nicht einmal einen Stuhl oder einen kleinen Tisch, kein Blech- oder anderes Geschirr. Gar nichts! Wenn er aß, stand der Wärter daneben und nahm ihm anschließend Holzlöffel und -schale wieder ab.

All dies prägte sich die Denkmaschine nach und nach ein. Von der Decke über die Wände bis zum Boden hinab prüfte er jeden einzelnen Stein und auch den Mörtel dazwischen. Nach der Inspektion setzte er sich auf den Rand des stählernen Bettes. Für Professor Augustus S. F. X. Van Dusen, die Denkmaschine, gab es nun tatsächlich etwas, über das sich nachzudenken lohnte.

Er wurde darin von einer Ratte unterbrochen, die ihm über den Fuß rannte und sich in einen dunklen Winkel der Zelle verkroch. Nachdem die Denkmaschine eine Weile beharrlich in die Dunkelheit der Ecke geschaut hatte, in der die Ratte verschwunden war, konnte er mehrere kleine Knopfaugen ausmachen, die ihn anblickten. Er zählte sechs Paar, wahrscheinlich gab es aber noch mehr.

Jetzt nahm die Denkmaschine vom Platz des Bettes aus zum ersten Mal den Boden unter der Zellentür wahr. Zwischen der Stahlkante und dem Erdboden gab es einen Spalt von zwei Zoll Höhe. Ohne den Blick abzuwenden sprang Van Dusen plötzlich in die Ecke, in der die Knopfaugenpaare zu sehen gewesen waren. Kleine Füße flitzten umher, das Quieken der erschreckten Nagetiere war mehrfach zu hören und dann war es still.

Nicht eine der Ratten war durch den Türspalt geflohen und trotzdem war keine mehr in der Zelle. Deshalb musste es einen weiteren Weg hinaus geben, mochte er noch so klein sein. Die Denkmaschine begann auf Händen und Füßen danach zu suchen.

Endlich wurde die Suche belohnt. Er stieß auf eine winzige Öffnung im Boden, direkt an der Wand. Es war ein kreisrundes Loch, kaum größer als ein Silberdollar. Er fuhr mit den Fingern tief in die Öffnung hinein, es schien sich um ein ausgedientes Abflussrohr zu handeln.

Es wurde Mittag und der Wärter erschien mit der abscheulich faden Gefängniskost. Zuhause aß die Denkmaschine gerade bloß soviel, wie zum Leben nötig war, hier nahm er kommentarlos alles an, was ihm angeboten wurde. Ab und zu sprach er mit der Wache, die draußen stand und ihn durch die Tür beobachtete.

„Gab es in den letzten Jahren hier baulichen Veränderungen?“, fragte er.

„Keine besonderen“, antwortete der Wärter. „Vor vier Jahren wurde eine neue Mauer eingezogen.“

„Irgendetwas am Gefängnisgebäude selbst?“

„Das Fachwerk wurde gestrichen und ich glaube, vor sieben Jahren wurde ein neues Abwassersystem gelegt.“

„Ah“, sagte der Gefangene. „Wie weit ist es eigentlich bis zum Fluss?“

„Über dreihundert Fuß. Die Jungs haben da einen Baseballplatz zwischen Gefängnismauer und dem Fluss.“

Als der Aufseher gehen wollte, bat Van Dusen um etwas Wasser.

„Ich werde den Direktor fragen“, erwiderte der Wärter und ging davon. Eine halbe Stunde später kehrte er mit einer kleinen Schale aus Ton zurück, die mit Wasser gefüllt war.

„Der Direktor sagt, Sie können die Schale behalten“, informierte er den Gefangenen. „Aber Sie müssen sie mir zeigen, wenn ich danach frage. Wenn Sie zerbrochen ist, gibt es keine weitere.“

„Danke“, sagte die Denkmaschine. „Ich werde sie nicht zerbrechen.“

Als derselbe Gefängniswärter zwei Stunden später an der Tür von Zelle Nr. 13 vorbeiging, hörte er von drinnen ein Geräusch und blieb stehen. Die Denkmaschine kauerte vor einer Ecke, aus der ängstliche Quieklaute kamen.

„Ah, hab ich dich“, rief der Gefangene.

„Haben Sie was?“, fragte der Wärter scharf.

„Eine von den Ratten“, erwiderte Van Dusen. „Sehen Sie?“

Zwischen den langen Fingern des Wissenschaftlers sah der Aufseher eine kleine graue Ratte zappeln. Die Denkmaschine brachte sie nahe ans Licht und schaute sie sich genau an.

„Haben Sie nichts besseres zu tun als Ratten zu fangen?“, fragte der Wärter.

„Es ist eine Schande, dass hier überhaupt welche sind“, lautete die gereizte Antwort.

Am selben Nachmittag bemerkte der Wachtposten, der auf dem Gefängnishof gegenüber von Zelle 13 postiert war, wie sich eine Hand durch das vergitterte Fenster schob und etwas Weißes zu Boden flatterte. Es handelte sich um eine kleine Rolle aus Leinen, die von einem Fünf-Dollar-Schein umwickelt war.

Mit einem grimmigen Lächeln brachte der Wachmann Rolle und Geldschein zum Büro des Gefängnisdirektors. Dort entzifferten sie gemeinsam, was mit einer sonderbaren Art von Tinte und leicht verwischt darauf geschrieben war. Auf der Außenseite stand:

„Der Finder möge dies bitte zu Dr. Charles Ransome bringen.“

„Ah“, sagte der Direktor und kicherte. „Fluchtplan Nummer 1 ist fehlgeschlagen.“ Dann, nach kurzem Nachdenken. „Warum nur ist die Nachricht an Dr. Ransome gerichtet?“

„Und wo hat er Stift und Tinte zum Scheiben her?“, fragte der Wachtposten.

Der Direktor schaute den Wachmann und der Wachmann den Direktor an. Es gab keine ersichtliche Erklärung für dieses Rätsel. Der Direktor schüttelte schließlich den Kopf.

„Na, schauen wir mal, was er Dr. Ransome mitzuteilen hat“, sagte er schließlich und entrollte das Leinenstück.

„Nun, wenn das… was… was denken Sie darüber?“, fragte er verwirrt.

Der Wärter nahm das Leinenstück und las folgendes:

NEHE? IL FUZTH! CINH CIE… GITH CISBA, EBE SIE: WES EID FU. A.

III

Der Gefängnisdirektor fragte sich eine Stunde lang, welche Art Code hier vorliegen mochte und grübelte eine weitere halbe, warum der Gefangene versuchte, Dr. Ransome zu kontaktieren, der doch für sein Hiersein verantwortlich war. Außerdem beschäftigte ihn, woher der Häftling sich das Schreibmaterial beschaffen konnte und um welche Art Schreibutensilien es sich überhaupt handelte. Mit dem festen Willen, dieses Rätsel zu lösen, untersuchte er nochmals das Stück Leinenstoff. Es war aus einem weißen Hemd herausgerissen worden und seine Ränder waren zerfranst.

Auf die Herkunft des Fetzens ließ sich leicht rückschließen, aber was mochte Van Dusen benutzt haben, um ihn zu beschriften? Der Direktor wusste, dass es unmöglich ein Bleistift oder eine Füllfeder gewesen sein konnte und tatsächlich war weder das eine noch das andere dafür verwendet worden. Was aber dann? Der Direktor beschloss, das persönlich zu untersuchen. Die Denkmaschine war sein Häftling; und er hatte Befehl, seine Gefangenen sicher zu verwahren. Wenn einer von ihnen glaubte, entkommen zu können, indem er verschlüsselte Botschaften nach draußen schaffte, würde er das zu verhindern wissen.

Der Direktor kehrte zur Zelle 13 zurück und fand die Denkmaschine wieder bei der Rattenjagd vor. Als der Gefangene die Schritte vernahm, wandte er sich schnell um.

„Es ist eine Schande“, blaffte er den Direktor an, „die Ratten. Es gibt Unzählige davon!“

„Andere sind damit auch fertig geworden“, erwiderte dieser. „Hier haben Sie ein frisches Hemd – geben Sie mir das, welches Sie gerade anhaben.“

„Warum?“

„Sie haben versucht, mit Dr. Ransome Verbindung aufzunehmen“, sagte der Direktor streng. „Da Sie mein Gefangener sind, ist es meine Pflicht, dies zu unterbinden.“

Van Dusen schwieg einen Moment.

„In Ordnung“, sagte er endlich. „Tun Sie Ihre Pflicht.“

Der Direktor lächelte verdrossen. Der Gefangene entledigte sich seines weißen Hemdes und zog stattdessen das gestreifte Häftlingshemd an, das der Gefängnisdirektor mitgebracht hatte. Der ergriff hastig das weiße Hemd und verglich das Stück Leinenstoff, auf dem die rätselhafte Nachricht geschrieben worden war, mit dem Hemd des Gefangenen, das gewisse ausgerissene Stellen zeigte.

„Der Wachtposten brachte die Nachricht also Ihnen?“

„Und ob er sie mir gebracht hat“, antwortete der Direktor triumphierend. „Und damit ist Ihr erster Fluchtversuch bereits gescheitert.“

„Was haben Sie zum Schreiben benutzt?“, wollte der Direktor wissen.

„Ich denke, es ist ebenso Teil Ihrer Pflicht, das selbst herauszufinden“, antwortete die Denkmaschine gereizt.

Der Gefängnisdirektor ließ einige unschöne Bemerkungen fallen, riss sich aber schnell wieder zusammen und ging stattdessen zu einer peinlich genauen Untersuchung der Zelle und des Häftlings über. Er fand absolut nichts, nicht mal ein Streichholz oder einen Zahnstocher, die anstelle eines Stiftes hätten benutzt werden können. Genauso rätselhaft blieb, welche Flüssigkeit verwendet worden war, um die geheimnisvolle Botschaft zu schreiben. Obwohl der Direktor Zelle 13 sichtlich verärgert verließ, nahm er das zerissene Hemd als Trophäe mit.

„Na ja, Nachrichten auf einem Stofffetzen werden ihn hier nicht herausholen, soviel ist sicher“, sagte er zu sich selbst. Er verwahrte die Leinenstücke in seinem Schreibtisch und wollte die weiteren Entwicklungen abwarten.

Am dritten Tag seiner Haft versuchte die Denkmaschine ganz offen, sich durch Bestechung den Weg nach draußen zu bahnen. Ein Aufseher hatte ihm das Essen gebracht und gegen die Gittertür gelehnt abgewartet, als die Denkmaschine das Gespräch begann:

„Die Abwasserrohre des Gefängnisses führen zum Fluss, nicht wahr?“, fragte er.

„Ja“, sagte der Wärter.

„Ich nehme an, sie sind sehr schmal?“

„Zu schmal, um durchzukriechen, wenn Sie das meinen“, erwiderte der Aufseher grinsend.

Es blieb still bis die Denkmaschine die Mahlzeit beendet hatte. Dann:

„Sie wissen doch, dass ich kein Krimineller bin?“

„Ja.“

„Und dass ich jedes Recht habe, freizukommen, sofern ich es verlange?“

„Ja.“

„Nun, ich kam hierher in der Überzeugung, ich könnte entwischen“, sagte der Gefangene und seine blinzelnden Augen studierten das Gesicht des Wärters.

„Wie gefiele Ihnen eine finanzielle Zuwendung, wenn Sie mir zur Flucht verhälfen?“

Der Gefängniswärter, der zufälligerweise ein ehrlicher Mann war, betrachtete die schmale, schwächliche Gestalt des Insassen mit der hohen Stirn und dem buschigen, blonden Haarschopf und fast tat er ihm leid.

„Ich glaube, Gefängnisse wie dieses hier wurden nicht gebaut, um Männern Ihres Schlages die Flucht zu ermöglichen“, sagte er endlich.

„Aber würden Sie darüber nachdenken, mir hier heraus zu helfen?“ insistierte der Häftling fast schon flehend.

„Nein“, sagte der Wärter kurz angebunden.

„Fünfhundert Dollar“, drängte die Denkmaschine. „Ich bin kein Verbrecher.“

„Nein“, sagte der Wärter.

„Eintausend?“

„Nein“, sagte der Aufseher zum wiederholten Male und machte sich eilig davon. Dann drehte er sich noch einmal um. „Auch wenn Sie mir 10.000 Dollar gäben, ich könnte Ihnen gar nicht helfen. Sie müssten sieben Türen überwinden und ich habe nur die Schlüssel von zweien.“

Danach ging er zum Gefängnisdirektor und erzählte ihm, was vorgefallen war.

„Damit ist auch Plan Nummer zwei gescheitert“, sagte der Direktor und lächelte grimmig. „Erst die verschlüsselte Nachricht, jetzt Bestechung.“

Als der Wärter sich um sechs Uhr Zelle 13 näherte, um das Abendessen zu bringen, hörte er ein unverwechselbares Geräusch, das Kratzen von Stahl auf Stahl. Er ging vorsichtig auf Zehenspitzen weiter und spähte durch die Gitterstäbe. Die Denkmaschine stand auf dem Stahlbett und bearbeitete die Stäbe des kleinen Zellenfensters. Den Bewegungen seines Arms nach zu urteilen benutzte er eine Feile.

Vorsichtig entfernte sich der Wachmann und informierte den Direktor. Beide schlichen zur Zelle 13 zurück. Das Kratzgeräusch war immer noch zu hören. Der Direktor vernahm es mit einiger Befriedigung und tauchte unvermittelt an der Zellentür auf.

„Nun?“ fragte er nachdrücklich, mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Die Denkmaschine drehte sich auf dem Bett herum, sprang zu Boden, mit hektischem Bemühen, etwas zu verbergen. Der Direktor betrat die Zelle und streckte die Hand aus.

„Geben Sie es mir“, sagte er.

„Nein“, antwortete Van Dusen scharf.

„Na los, geben Sie schon her“, drängte der Direktor. „Ich will Sie nicht schon wieder durchsuchen müssen.“

„Nein“, wiederholte der Gefangene.

„Was ist es, eine Feile?“, fragte der Direktor.

Die Denkmaschine schwieg.

„Plan Nummer Drei wäre damit auch fehlgeschlagen?“, fragte der Direktor zufrieden. „Zu schade, nicht wahr?“

„Durchsuchen Sie ihn“, wies der Direktor an.

Der Wachmann untersuchte den Häftling gründlich. Schließlich fand er, sorgfältig im Hosenbund versteckt, ein etwa fünf Zentimeter langes Stück Eisen, das wie ein Halbmond gekrümmt war.

„Aha“, sagte der Direktor und lächelte zufrieden, als der Wärter es ihm reichte. „Aus Ihrem Schuhabsatz, wie?“

Die Durchsuchung wurde fortgesetzt und ein zweites Stück Eisen entdeckt, das identisch mit dem ersten war.

„Mit denen hätten Sie niemals die Stäbe durchbekommen“, sagte der Direktor.

„Ich hätte es schon geschafft“, sagte die Denkmaschine bestimmt.

„In sechs Monaten vielleicht“, antwortete der Direktor gutmütig. „Sind Sie nun bereit aufzugeben?“

„Ich habe noch nicht einmal richtig angefangen“, lautete die prompte Antwort.

Dann folgte eine weitere ausführliche Inspektion der Zelle. Die beiden Männer gingen mit aller Gründlichkeit vor, zuletzt wandten Sie sich dem Bett zu und kippten es um. Nichts. Der Direktor persönlich kletterte auf das Bett und besah sich die Gitterstäbe des Fensters, an denen sich Van Dusen versucht hatte. Der Anblick belustigte ihn.

„Sie haben sie durch Ihr Reiben gerade mal etwas aufgehelt“, sagte er zu dem Gefangenen. Der Gefängnisdirektor packte mit kräftiger Hand die Eisenstäbe und rüttelte daran. Sie saßen immer noch fest im Granit. Er untersuchte zu seiner Zufriedenheit jeden einzelnen Gitterstab. Schließlich kletterte er vom Bett herunter.

„Geben Sie auf, Professor“, riet er.

„Es ist verrückt, aus dieser Zelle ausbrechen zu wollen“, bemerkte der Wärter auf dem Rückweg.

„Natürlich kommt er da nicht raus“, sagte der Direktor. „Aber er ist schlau. Ich möchte zu gern wissen, womit er diese Geheimbotschaft geschrieben hat.“

Am nächsten Morgen um fünf Uhr früh hallte ein markerschütternder Schrei durch das weitläufige Gefängnis. Er kam aus einer Zelle, die sich inmitten des Gebäudes befinden musste und sein Klang verriet Grauen, Höllenqual, schreckliche Angst. Als der Direktor ihn vernahm, stürmte er mit drei Männern los, den Korridor entlang, der zu Zelle 13 führte.

IV

Während sie dorthin eilten, erklang der durchdringende Schrei erneut und erstarb in einer Art Jammern. An den Zellentüren der Flure zeigten sich die bleichen Gesichter der Gefangenen und sahen verwundert und erschrocken nach draußen.

„Das ist der Verrückte aus Zelle 13“, grummelte der Direktor.

Er blieb vor der Zelle stehen und starrte ins Innere, während einer der Wärter mit eine Laterne hineinleuchtete. Der ‚Verrückte‘ lag ausgestreckt auf seiner Pritsche, den Mund weit aufgerissen, schnarchend. Noch während sie so schauten, ertönte wieder der schreckliche Schrei, von weiter oben her. Das Gesicht des Gefängnisdirektors erbleichte und er stürzte zur nächsten Treppe. In Zelle 43, die sich in der obersten Etage des Gebäudes genau zwei Stockwerke über Zelle 13 befand, stieß er auf einen Mann, der in einer Ecke zusammengekauert lag.

„Was ist los?“ fragte der Direktor.

„Gott sei Dank, das Sie gekommen sind“, rief der Gefangene und warf sich gegen die vergitterte Zellentür.

„Was geht hier vor?“, fragte der Direktor erneut.

Er schloss die Tür auf und trat hinein. Der Häftling fiel auf die Knie und klammerte sich an den Direktor. Sein Gesicht war totenbleich, seine Augen weit aufgerissen und er zitterte am ganzen Körper. Seine eiskalten Hände ergriffen die des Direktors.

„Lassen Sie mich aus dieser Zelle, bitte, lassen Sie mich raus“, bettelte er.

„Was ist denn überhaupt los mit Ihnen?“, insistierte der Direktor ungeduldig.

„Ich habe … etwas gehört…“, sagte der Gefangene und seine Augen blickten sich nervös in der Zelle um.

„Was haben Sie gehört?“

„Ich – Ich kann es Ihnen nicht sagen“, stammelte der Gefangene. Dann, in einem plötzlichen Schreckensanfall: „Lassen Sie mich raus – bringen Sie mich irgendwo anders hin – aber lassen Sie mich raus.“

Der Direktor und die drei Wachen sahen sich an.

„Was ist das für ein Kerl? Wessen ist er angeklagt?“, wollte der Direktor wissen.

„Joseph Ballard“, antwortete einer der Aufseher, „ihm wird vorgeworfen, einer Frau Säure ins Gesicht geschüttet zu haben. Sie ist daran gestorben.“

„Aber niemand kann es beweisen“, stieß Ballard hervor, „niemand kann es beweisen. Bitte stecken sie mich in eine andere Zelle.“

Er hielt sich immer noch am Direktor fest, der sich jetzt unsanft befreite. Dann schaute er auf das vor ihm kauernde Elend, das wie ein Kind von unbändiger, irrationaler Angst ergriffen zu sein schien.

„Passen Sie mal auf, Ballard“, sagte der Direktor schließlich, „wenn Sie etwas gehört haben, dann muss ich wissen, was es war. Jetzt reden Sie schon.“

„Ich kann nicht, ich kann nicht“, schluchzte der Gefangene.

„Was war es – eine Stimme?“

„Eine Stimme – aber – aber sie war nicht menschlich“, heulte Ballard auf. „Sie klang gedämpft – wie von weit her – gespenstisch.“

„Kam sie aus dem Gefängnis oder von draußen?“

„Von nirgendwoher – sie war einfach da – überall.“

Eine Stunde lang versuchte der Direktor herauszufinden, was genau geschehen war, aber Ballard war plötzlich widerspenstig und sagte nichts mehr.

„Hören Sie“, sagte der Gefängnisdirektor schließlich, „wenn Sie wieder zu Schreien anfangen, stecken wir Sie in eine Gummizelle.“

Mit diesen Worten entfernte sich der Direktor. Ballard blieb an der Zellentür sitzen bis zum Morgengrauen, das Gesicht gegen die Gitterstäbe gepresst, mit weit aufgerissenen Augen nach draußen starrend.

Dieser Tag, der vierte seitdem die Denkmaschine inhaftiert worden war, brachte einigen Trubel durch den freiwilligen Häftling, der sich die meiste Zeit an dem kleinen Fenster seiner Zelle aufhielt. Es begann damit, dass ein weiteres Stück Stoff aus dem Fenster zu Boden fiel. Einer der Wachmänner hob es pflichtbewusst auf und bracht es dem Direktor.

„Nur noch drei Tage“, stand darauf geschrieben.

Den Direktor überraschte nicht, was er las. Aber womit hatte die Denkmaschine das geschrieben? Woher stammte dieser neue Fetzen Stoff? Er holte das Hemd hervor, dass er einbehalten hatte und hielt die beiden ursprünglich konfiszierten Stoffstücke an die ausgerissenen Stellen. Das neue, dritte Stück war überzählig, es passte nirgends und war doch zweifellos aus demselben Stoff.

„Und – wo hat er überhaupt etwas zum Schreiben her?“ fragte der Gefängnisdirektor als wolle er die ganze Welt anklagen.

Später wandte sich Van Dusen durch das Fenster seiner Zelle dem Wachtposten draußen zu.

„Welchen Tag des Monats haben wir?“, fragte er.

„Den fünfzehnten“, antwortete der Wachtposten.

Die Denkmaschine führte im Kopf eine astronomische Berechnung durch und stellte befriedigt fest, dass der Mond in dieser Nacht nicht vor neun Uhr aufgehen würde. Er stellte eine weitere Frage: „Wer kümmert sich eigentlich um diese Bogenlichter?“

„Irgendjemand von ’ner Firma.“

„Ich glaube, Sie könnten Geld sparen, wenn Sie dafür eigene Leute beschäftigten.“

„Nicht mein Bier“, antwortete der Wärter.

An diesem Tag sah er die Denkmaschine häufiger am Zellenfenster. Nach einer Weile hatte er sich daran gewöhnt. Er kannte das von anderen Häftlingen, das war die Sehnsucht nach der Außenwelt.

Kurz vor der Wachablösung erschien der markante Kopf wieder am Fenster, eine Hand schob sich durch die Gitterstäbe. Etwas flatterte zu Boden und der Wachmann hob es auf. Es handelte sich um einen Fünf-Dollar-Schein.

„Der ist für Sie“, rief der Gefangene.

Wie gewohnt brachte der Wärter den Geldschein zum Direktor. Der untersuchte ihn misstrauisch.

„Er hat gesagt, der wäre für mich“, erklärte der Wärter.

„Soll wohl so eine Art Trinkgeld sein, schätze ich“, sagte der Direktor. „Ich sehe keinen Grund, warum Sie nicht –“

Plötzlich hielt er inne. Ihm war eingefallen, dass die Denkmaschine Zelle 13 mit einem Fünf-Dollar-Schein und zwei Zehn-Dollar-Scheinen betreten hatte, insgesamt fünfundzwanzig Dollar. Aber die Fünf-Dollar-Note war bereits um das erste Stück Leinenstoff gewickelt gewesen… Um sich selbst zu überzeugen, holte er es hervor und besah es sich genau. Da waren fünf Dollar und hier gab es weitere fünf Dollar, obwohl Van Dusen nur noch Zehn-Dollar-Scheine übrig haben konnte.

„Vielleicht hat ihm jemand die Scheine gewechselt“, dachte der Direktor schließlich mit einem Seufzer.

Dann fasste er einen Entschluss. Er würde Zelle 13 durchsuchen wie noch keine Zelle auf dieser Welt durchsucht worden war. Wenn ein Mann nach Belieben Nachrichten schreiben und Geld wechseln und andere, völlig unerklärliche Dinge tun konnte, dann lief in seinem Gefängnis etwas entschieden schief. Er nahm sich vor, nachts in die Zelle zu gehen – drei Uhr morgens wäre eine ideale Zeit. Die Denkmaschine musste jenen geheimnisvollen Tätigkeiten ja auch irgendwann nachgehen… Und dass dies nachts geschah, schien am plausibelsten.

So kam es, dass der Direktor in jener Nacht um drei Uhr morgens heimlich zu Zelle 13 schlich. Er blieb an der Tür stehen und lauschte. Außer dem steten, regelmäßigen Atmen des Gefangenen war nichts zu hören. Fast ohne ein Geräusch öffnete der Direktor die Doppelschlösser der Zelle und trat ein. Unversehens leuchtete er der vor ihm liegenden Gestalt ins Gesicht.

Wenn der Direktor erwartet hatte, die Denkmaschine dadurch erschrecken zu können, hatte er sich getäuscht. Professor Van Dusen öffnete langsam die Augen, griff nach den Brillengläsern und fragte in sehr sachlichem Ton:

„Wer ist da?“

Nicht ein Zentimeter wurde bei der anschließenden Durchsuchung ausgelassen. Der Direktor entdeckte das runde Loch im Boden und steckte, einer Eingebung folgend, seine dicklichen Finger hinein. Nachdem er eine Weile darin herumgenestelt hatte, zog er etwas hervor und schaute es sich im Licht seiner Laterne an.

„Waahh“, rief er aus.

Es handelte sich um eine Ratte – eine tote Ratte. Der Direktor setzte seine Untersuchung gründlich, aber etwas weniger zupackend fort. Schließlich stieg er auf das Bett, um die Gitterstäbe des kleinen Fensters zu überprüfen. Sie saßen vollkommen fest, genauso wie die der Zellentür.

Danach inspizierte der Gefängnisdirektor die Kleidung und begann bei den Schuhen. Nichts war versteckt darin! Dann den Hosenbund. Immer noch nichts! Dann die Hosentaschen. Aus einer davon zog er ein paar Geldscheine hervor und besah sie sich.

„Fünf Ein-Dollar-Scheine“, keuchte er.

„Richtig“, stellte der Gefangene fest.

„Aber Sie – Sie hatten zwei Zehner und einen Fünf-Dollar-Schein – wie zum – wie haben Sie das gemacht?“

„Meine Sache“, sagte Van Dusen.

„Auf Ihr Ehrenwort – hat einer meiner Männer Ihnen Geld gewechselt?“

Die Denkmaschine zögerte den Bruchteil einer Sekunde und antwortete dann:

„Nein.“

„Nun, was dann, stellen Sie die Scheine selber her?“, fragte der Direktor. Er war mittlerweile kurz davor, alles zu glauben.

„Das ist meine Sache“, antwortete die Denkmaschine erneut.

Der Direktor sah den berühmten Wissenschaftler erbittert an. Er spürte – er wusste –, dass dieser Mann ihn zum Narren hielt, auch wenn er nicht wusste, wie. Für längere Zeit sagte keiner der beiden etwas, bis der Direktor sich mit einem Ruck umdrehte, die Zelle verließ und die Tür lautstark zuwarf.

Es war zehn vor vier. Kaum hatte der Direktor sich zu Bett begeben, hallte wieder jener herzzereißende Schrei durch das Gefängnis. Der Direktor murmelte einige Worte, die nicht anmutig, dafür ausdrucksstark waren, zündete die Laterne an und eilte schließlich durch die Gänge zur Zelle im obersten Stockwerk.

Ballard war wieder dabei, sich gegen die Zellentür zu werfen und schrie aus vollem Halse.

„Holen Sie mich raus, holen Sie mich raus“, rief er. „Ich war es. Ich war es. Ich habe sie getötet. – Ich habe ihr die Säure ins Gesicht geschüttet – Ich war es – Ich gestehe alles. Holen Sie mich raus.“

Ballard befand sich in einem erbarmungswürdigen Zustand und es war ein reiner Gnadenakt, ihn auf den Gang zu lassen. Dort verkroch er sich in eine Ecke wie ein verängstigtes Tier und hielt sich die Ohren zu. Es dauerte eine halbe Stunde, bis er sich soweit beruhigt hatte, dass er sprechen konnte. In unzusammenhängenden Worte erklärte er, was vorgefallen war. In der vorigen Nacht habe er gegen vier Uhr morgens eine Stimme gehört – eine Grabesstimme, dumpf und wimmernd.

„Was hat sie gesagt?“, fragte der Direktor neugierig.

„Säure! Säure! Säure!“ keuchte der Gefangene. „Sie klagte mich an. Ich habe Säure benutzt und die Frau starb. Oh!“

„Säure?“ wiederholte der Direktor verwirrt.

„Säure. Das ist es, was ich gehört habe – dieses eine Wort, immer und immer wieder.“

„Letzte Nacht, wie?“ fragte der Direktor. „Was war heute Nacht – was hat Sie heute so erschreckt?“

„Dasselbe. Säure! Säure! Säure!“

Ballard verbarg das Gesicht in den Händen und saß zitternd da. „Ich habe ihr Säure ins Gesicht geschüttet –“, murmelte er und verstummte dann.

„Haben Sie noch etwas anderes gehört?“

„Ja, aber ich konnte es nicht verstehen, nur ein oder zwei Worte.“

„Und welche waren das?“

„Dreimal habe ich ‚Säure‘ gehört, gefolgt von einem langen, schaurigen Stöhnen und dann – dann – hörte ich ‚Hutgröße acht‘, zweimal.“

„Hutgröße acht“, wiederholte der Direktor. „Verflucht nochmal – Hutgröße acht? Stimmen, die einem ins Gewissen reden, sprechen wohl kaum über Hüte der Größe acht.“

„Der ist durchgedreht“, stellte einer der Wärter fest.

„Da haben Sie vermutlich recht“, sagte der Direktor. „Das muss es sein. Hutgröße acht! Was zum –“

V

Als der fünfte Tag der Gefangenschaft der Denkmaschine anbrach, war dem Gefängnisdirektor die Anspannung anzusehen. Es bereitete ihm Sorgen, wie die Sache ausgehen mochte. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich sein namhafter Häftling über ihn lustig machte. Der hatte an diesem fünften Tag der Außenwache eine weiteres Stück Stoff zugeworfen, auf dem stand: „Nur noch zwei Tage.“ Und einen halben Dollar hinterher.

Nun wusste der Direktor – er wusste es, dass der Mann in Zelle 13 über keinen halben Dollar verfügte. Er konnte gar keinen halben Dollar haben, genausowenig wie Stift und Tinte und Leinen, und trotzdem hatte er sie. Kein Wunder also, dass der Direktor so mitgenommen aussah.

Auch die grausige, unheimliche Sache über ‚Säure‘ und ‚Hutgröße Nr. 8‘ ging ihm nicht aus dem Kopf. Das hatte natürlich nichts zu bedeuten, war bloß den Verrücktheiten eines wahnsinnigen Mörders entsprungen, der getrieben von Angst sein Verbrechen gestanden hatte und doch war so viel geschehen, das ‚nichts zu bedeuten‘ hatte, seitdem die Denkmaschine hier einsaß.

Am sechsten Tag erhielt der Direktor einen Brief, in dem Dr. Ransome und Mr. Fielding mitteilten, dass sie am nächsten Abend, dem Donnerstag, das Gefängnis aufsuchen wollten, um Professor Van Dusen zu sprechen, vorausgesetzt, dass er noch nicht ausgebrochen sei – wovon beide aber ausgingen, da sie nichts von ihm gehört hätten.

„Noch nicht ausgebrochen!“ Der Direktor lächelte bitter. Ausgebrochen!

Am Nachmittag des siebten Tages kam der Direktor an Zelle 13 vorbei. Die Denkmaschine lag auf dem Bett, offenbar schlafend. Auf den ersten Blick sah die Zelle aus wie immer. Der Direktor hätte schwören können, dass niemand in der Lage war, aus ihr zwischen jetzt – es war vier Uhr nachmittags – und halb acht Uhr dieses Abends zu entkommen.

Mit dem Gefühl, seine Pflicht erfüllt zu haben, empfing der Gefängnisdirektor Dr. Ransome und Mr. Fielding kurz nach sieben Uhr. Er wollte Ihnen gerade die Nachrichten auf Leinenstoff zeigen und die ganze, lange Geschichte seiner Prüfungen schildern, da trat der Wachhabende ins Büro, der auf der Flussseite des Gefängnishofes Dienst hatte:

„Der Scheinwerfer auf meiner Seite funktioniert nicht mehr“, meldete er.

„Verdammt, es ist doch wie verhext“, fluchte der Direktor. „So etwas passiert erst, seit der Professor hier ist.“

Der Wachmann ging wieder auf seinen Posten im Dunkeln zurück und der Direktor telefonierte mit der Stromgesellschaft.

„Hier ist das Chisholm Gefängnis“, sprach er in den Hörer. „Schicken Sie auf der Stelle drei oder vier Männer, ein Scheinwerfer ist ausgefallen!“

Da die Antwort offensichtlich zufriedenstellend ausfiel, legte der Direktor auf und begab sich in den Hof. Dr. Ransome und Mr. Fielding warteten und bis der Direktor in sein Büro zurückkehrte, war es fast acht Uhr. Die Elektriker waren mit einem Lieferwagen eingetroffen und hatten ihre Arbeiten begonnen.

Der Direktor ging zum Telefon und sprach mit der Wache am Eingang:

„Wieviele sind hereingekommen?“, fragte er. „Vier? Drei Elektriker in Overalls – und der Vorarbeiter? In Ordnung. Stellen Sie sicher, dass es auch vier sind, wenn sie wieder rausgehen.“

Er wandte sich an Dr. Ransome und Mr. Fielding. „Wir müssen in solchen Fällen vorsichtig sein – besonders“, betonte er mit Sarkasmus in der Stimme, „seit wir gewisse Gelehrte hier eingesperrt haben.“

Eine Wache trat herein und überbrachte einen eingeschriebenen Brief. Der Direktor griff nach dem Schreiben und begann, es aufzureißen.

„Wenn ich das hier gelesen habe, möchte ich den Gentlemen erzählen wie – großer Gott!“ unterbrach er sich und starrte den Brief an.

„Was ist los?“, fragte Mr. Fielding.

„Ein eingeschriebener Brief“, keuchte der Direktor. „Eine Einladung zum Abendessen aus Zelle 13.“

„Was?“ – Die beiden anderen sprangen gleichzeitig auf.

Der Direktor saß benommen da, starrte eine Weile auf den Brief und rief dann laut nach dem Posten auf dem Korridor.

„Laufen Sie zur Zelle 13 und sehen Sie nach dem Professor.“

Die Wache ging wie befohlen, während Dr. Ransome und Mr. Fielding den Brief untersuchten.

„Es handelt sich zweifellos um Van Dusens Handschrift“, sagte Dr. Ransome. „Ich habe sie oft gesehen.“

Das Telefon klingelte und der Direktor nahm geistesabwesend den Hörer ab.

„Hallo! Zwei Reporter, was? Lasst sie rein.“ Er drehte sich zum Doktor und zu Mr. Fielding. „Was soll das, der Mann kann nicht entkommen sein. Er muss noch in seiner Zelle stecken.“

Der Wärter kam zurück.

„Er ist noch da, Sir – hat sich hingelegt.“

„Na also, habe ich Ihnen doch gesagt“, atmete der Direktor befreit auf. „Aber wie hat er es nur fertiggebracht, diesen Brief postalisch aufzugeben?“

Es klopfte.

„Das sind die Reporter“, sagte der Direktor. Er wandte sich den beiden Herren zu: „Erwähnen Sie nichts von all dem.“

Die Tür öffnete sich und zwei Männer traten ein.

„Guten Abend, meine Herren“, sagte der eine, es handelte sich um Hutchinson Hatch. Der Direktor kannte den Reporter gut.

„Nun denn“, sagte der andere kurz angebunden, „hier bin ich.“

Es war die Denkmaschine.

Dr. Ransome und Mr. Fielding waren überrascht, aber der Direktor war wie gelähmt. Hutchinson Hatch, der Reporter, ließ keinen aus den Augen.

„Wie – wie – haben Sie das gemacht?“, keuchte der Direktor schließlich.

„Lassen Sie uns zur Zelle gehen“, sagte die Denkmaschine, mit jener gereizten Stimme, die seine Kollegen nur zu gut kannten.

Der Direktor, immer noch wie in Trance, führte sie dort hin.

„Leuchten Sie hinein“, wies die Denkmaschine den Direktor an.

Die Zelle selbst bot keinen ungewöhnlichen Anblick, aber dort auf dem Bett lag die Gestalt der Denkmaschine. Unverwechselbar! Derselbe blonde Haarschopf! Der Direktor sah immer wieder zu dem Mann, der neben ihm stand und wusste nicht mehr, ob er wachte oder träumte.

Mit zittrigen Händen öffnete er die Zelle und die Denkmaschine ging hinein.

„Sehen Sie“, sagte Van Dusen.

Er trat gegen den unteren Teil der Zellentür und drei der Eisenstangen gaben nach. Eine vierte brach ganz heraus und rollte den Flur entlang.

„Und hier ebenso“, sagte der ehemalige Gefangene, der auf das Bett stieg und mit der Hand an den Gitterstäben des Fensters entlangstrich, die allesamt herabfielen.

„Und was ist da im Bett?“, wollte der Direktor wissen, der langsam wieder zu sich kam.

„Eine Perücke. Nehmen Sie die Decke weg.“

Der Direktor tat wie geheißen. Darunter lag ein starkes, mindestens dreißig Fuß langes Seil, ein Dolch, drei Feilen, ein zehn Fuß langes Elektrokabel, ein winzige, aber kräftige Kneifzange, ein kleiner Hammer mit Griff – und eine Derringer Pistole.

„Wie haben Sie das gemacht?“, fragte der Direktor wieder.

„Meine Herren, Sie haben eine Einladung zum Abendessen um halb acht Uhr bei mir“, sagte die Denkmaschine. „Kommen Sie, sonst verspäten wir uns.“

„Aber wie haben Sie das gemacht?“, beharrte der Direktor.

„Sie können niemanden aufhalten, der sein Gehirn zu gebrauchen weiß“, sagte die Denkmaschine. „Und jetzt lassen Sie uns aufbrechen, sonst kommen wir wirklich zu spät.“

VI

Das Abendessen in den Räumen Professor Van Dusens verlief in Ungeduld und Schweigen. Die Gäste waren Dr. Ransome, Albert Fielding, der Gefängnisdirektor und Hutchinson Hatch, der Reporter. Das Essen war pünktlich serviert worden, so wie es Van Dusen vor einer Woche angeordnet hatte; Dr. Ransome fand die Artischocken köstlich. Schließlich wurde das Abendessen beendet und die Denkmaschine blinzelte Dr. Ransome herausfordernd an:

„Glauben Sie mir jetzt?“, fragte er.

„Das tue ich“, antwortete Dr. Ransome.

„Räumen Sie ein, dass alles unter fairen Bedingungen ablief?“

„In der Tat.“

Alle, besonders aber der Direktor, warteten gespannt auf eine Erklärung.

„Angenommen, Sie verraten uns, wie…“, begann Mr. Fielding.

„Ja, sagen Sie uns, wie Sie es gemacht haben“, unterbrach ihn der Direktor.

Die Denkmaschine rückte die Brille gerade, blinzelte und begann mit seinen Ausführungen. Selten fanden sich wohl je aufmerksamere Zuhörer.

„Die Abmachung war, nur mit dem Nötigsten bekleidet sich in eine Zelle einsperren zu lassen und daraus innerhalb einer Woche zu entfliehen. Ich habe das Chisholm Gefängnis nie zuvor gesehen. Bevor ich die Zelle betrat, bat ich um Zahnpulver, zwei Zehn- und einen Fünf-Dollar-Schein und dass mir die Schuhe geputzt würden. Selbst wenn Sie diese Bitten abgelehnt hätten, hätte das wenig geändert. Sie waren aber einverstanden.“

„Ich wusste, es würde nichts weiter in der Zelle sein. Als der Wärter hinter mir die Türe verschloss, war ich demnach offenkundig hilflos, es sei denn, es gelänge, die drei scheinbar unnützen Dinge zu meinem Vorteil einzusetzen. Es handelte sich um Bitten, die jedem zu Tode Verurteilten gewährt worden wären, nicht wahr, Herr Direktor?“

„Zahnpulver und polierte Schuhe gewiss, aber nicht das Geld“, antwortete der Gefängnisdirektor.

„Alles wird wertvoll in den Händen eines Mannes, der es zu benutzen weiß“, fuhr die Denkmaschine fort. „In der ersten Nacht tat ich nichts anderes als zu schlafen und die Ratten zu verscheuchen.“ Er warf dem Direktor einen Blick zu. „Ich wusste, dass erst einmal nicht viel auszurichten war, also wartete ich den nächsten Morgen ab.“

„Ich wurde um sechs Uhr vom Wärter mit dem Frühstück geweckt“, so der Wissenschaftler weiter. „Er sagte mir, Mittagessen gäbe es um zwölf und das Abendessen um sechs Uhr. In der Zwischenzeit wäre ich demnach fast vollständig allein. Also untersuchte ich gleich nach dem Frühstück die äußere Umgebung von meinem Zellenfenster aus. Ein Blick genügte, um festzustellen, dass es aussichtslos war, über die Mauern klettern zu wollen. Und wenn ich mich entschließen sollte, durch das Fenster zu fliehen, musste ich noch aus dem Gefängnis selbst entkommen. Ich verwarf deshalb vorerst jede Idee in dieser Richtung.“

„Von meiner ersten Erkundung an wusste ich, dass sich der Fluss auf meiner Seite des Gefängnisses befand und dazwischen ein Spielfeld lag. Ich hatte damit etwas wichtiges herausgefunden – jeder konnte sich, wenn nötig, dieser Seite des Gefängnisses nähern, ohne Verdacht zu erregen.“

„Was aber meine besondere Aufmerksamkeit auf sich zog, war ein Kabel, das in nur geringem Abstand am Zellenfenster vorbeilief und mit einer der Bogenlampen verbunden war. Das war eine wertvolle Beobachtung: sollte es notwendig sein, konnte ich den Scheinwerfer außer Gefecht setzen.“

„Oh, dann waren Sie das also heute nacht?“, fragte der Direktor.

„Nachdem ich alles in Erfahrung gebracht hatte, was vom Fenster aus möglich war“, fuhr die Denkmaschine ungerührt fort, „beschäftigte ich mich intensiver damit, wie ich nun tatsächlich aus dem Gefängnis entkommen konnte. Ich erinnerte mich an den Weg zur Zelle. Sieben Türen lagen zwischen mir und der Außenwelt. Nach einigem Überlegen gab ich es auf, diesen Weg für meine Flucht in Erwägung zu ziehen. Doch konnte ich auch schlecht durch Wände gehen.“

Die Denkmaschine schwieg für einen Moment und Dr. Ransome zündete sich eine neue Zigarre an.

„Während ich mir über diese Dinge den Kopf zerbrach, huschte eine Ratte über meinen Fuß. Das brachte mich auf einen neuen Gedanken. Es waren mindestens ein halbes Dutzend Ratten in der Zelle. Ich erschreckte sie absichtlich und überprüfte, ob sie unter der Zellentür hindurch die Flucht ergriffen. Das taten sie nicht, aber sie waren verschwunden. Offensichtlich waren sie auf andere Weise entkommen. Und das hieß, es gab eine weitere Öffnung.“

„Ich suchte danach und fand sie. Es handelte sich um ein altes Abflussrohr, länger schon unbenutzt und teilweise verstopft mit Schmutz und Staub. Diesen Weg hatten die Ratten genommen. Und von irgendwoher mussten sie gekommen sein. Woher? Abflussrohre führen gewöhnlich aus Gebäuden hinaus. Dieses lief wahrscheinlich bis zum Fluss oder in dessen Nähe. Und wenn die Ratten von dort kamen, mussten sie den ganzen Weg über das Rohr genommen haben. Es war sehr unwahrscheinlich, dass ein solides Eisen- oder Bleirohr ein Loch aufwies außer an seinem vorgesehenen Ende.“

„Als der Gefängniswärter mit dem Mittagessen kam, verriet er mir zwei bedeutsame Dinge: zum einen, dass sieben Jahre zuvor ein neues Abwassersystem verlegt worden war, zum anderen, dass der Fluss nur dreihundert Fuß entfernt lag. Ich wusste nun, dass das Rohr zu einem veralteten System gehörte und dass es in Richtung Fluss führen musste. Die Frage war nur: endete es im Wasser oder an Land?“

„Das galt es als Nächstes herauszufinden. Ich fing einige der Ratten und untersuchte sie, mindestens ein Dutzend von ihnen. Sie waren vollkommen trocken durch das Rohr gekommen und es waren keine Wasser-, sondern Feldratten. Das andere Ende des Rohres lag demnach an Land, irgendwo außerhalb der Gefängnismauern.“

„Mir war klar, dass ich die Aufmerksamkeit des Direktors ablenken musste. Er wusste ja, dass ich nur einsaß, um auszubrechen. Was alle meine Versuche umso schwieriger gestaltete, so dass ich ihn auf eine falsche Fährte zu locken hatte.“

Der Gefängnisdirektor saß mit traurigem Gesichtsausdruck da.

„Als erstes ließ ich ihn glauben, ich wollte Kontakt zu Ihnen aufnehmen, Dr. Ransome. Also schrieb ich eine Nachricht auf ein Stück Stoff, das ich aus meinem Hemd gerissen hatte, adressierte es an Sie, wickelte es in einen Fünf-Dollar-Schein und warf es aus dem Fenster. Haben Sie es noch, Herr Direktor?“

Der Direktor händigte die verschlüsselte Botschaft aus.

„Was zum Kuckuck hat sie zu bedeuten?“, fragte er.

„Lesen Sie die Nachricht rückwärts und ignorieren Sie die Einteilung der Wörter und die Satzzeichen.“

Der Direktor tat wie geheißen. „A-U-F, auf“, buchstabierte er, hielt einen Moment inne und las dann grinsend vor:

„Auf diese Weise beabsichtige ich nicht zu fliehen.“ – „Tja, was sagt man dazu!“

„Ich wusste, das würde Sie zweifellos beschäftigen“, sagte die Denkmaschine, „und selbst wenn Sie hinter den Sinn der Botschaft gekommen wären, wäre dies doch nur eine Neckerei gewesen.“

„Mit was haben Sie sie geschrieben?“, fragte Dr. Ransome, nachdem er das Stück Stoff untersucht und an Mr. Fielding weitergereicht hatte.

„Damit“, sagte der ehemalige Gefangene und streckte einen Fuß hervor. Er hatte noch die Schuhe an, die er im Gefängnis getragen hatte, aber die Politur war verschwunden – weggekratzt. „Schwarzes Schuhwachs, mit Wasser vermischt, war meine Tinte; das verstärkte Ende des Schnürsenkels diente als Schreibwerkzeug.“

Der Direktor starrte ihn an und brach dann in Gelächter aus, halb verlegen, halb amüsiert.

„Daraufhin ließ der Direktor meine Zelle durchsuchen, wie ich es vorgesehen hatte“, erklärte die Denkmaschine weiter. „Ich war darauf bedacht, die Zelle so oft durchsuchen zu lassen, bis er es schließlich leid wäre, weil nichts dabei heraussprang. So kam es dann auch.“

„Mein weißes Hemd wurde mir weggenommen, stattdessen bekam ich Gefängniskleidung. Dem Direktor genügte es, dass die beiden Stofffetzen an meinem Hemd fehlten. Tatsächlich aber hatte ich noch ein zusammengerolltes Stück in meinem Mund versteckt.“

„Ein weiteres Stück Stoff von diesem Hemd?“, fragte der Direktor. „Aber wo haben sie das hergenommen?“

„Alle gestärkten weißen Hemden sind im Brustbereich dreifach genäht“, lautete die Erklärung. „Ich riss die innerste Lage heraus, so dass noch zwei übrigblieben. Ich wusste, es würde Ihnen nicht auffallen.“

„Nachdem ich dem Direktor etwas zum Nachdenken gegeben hatte, konnte ich meine ersten, wirklichen Schritte in Richtung Freiheit wagen“, sagte Professor Van Dusen. „Ich wusste, das Abflussrohr musste irgendwo beim Spielfeld enden, ich wusste, dass dort viele Kinder spielten und ich wusste, dass die Ratten von dort aus in meine Zelle kamen. Konnte ich dieses Wissen nutzen, um mit jemanden draußen Kontakt aufzunehmen?“

„Als erstes wäre dafür ein ziemlich langes und belastbares Stück Schnur vonnöten, aber – sehen Sie selbst“, er zog die Hosenbeine hoch und zeigte seine feinen, aus starkem Garn gewebten Socken, denen jeweils die obere Hälfte fehlte. „Ich habe sie einfach entzwirnt und hatte bald eine Viertelmeile Faden beisammen.“

„Dann schrieb ich auf der Hälfte des übrig gebliebenen Stoffs eine Nachricht an diesen Herrn“, und er wies auf Hutchinson Hatch, „was recht mühsam war. Aber ich wusste, er würde mir helfen, schon allein der lohnenden Story wegen. Ich wickelte den Brief in einen Zehn-Dollar-Schein – kaum etwas erzeugt so leicht Aufmerksamkeit – und schrieb darauf: „Finder, bringe diese Botschaft zu Hutchinson Hatch vom Daily American und du wirst zehn weitere Dollar von ihm erhalten.“

„Nun musste die Nachricht nach draußen zum Spielfeld gelangen, damit eins der Kinder sie finden konnte. Ich packte eine der Ratten, mittlerweile war ich recht geschickt darin, band das Stoffpaket mit dem Geld an ein Bein und das Garn an ein anderes und entließ die Ratte ins Abflussrohr. Ich vermutete, dass der natürliche Fluchtimpuls das Nagetier dazu brächte, bis ans Ende des Rohres zu laufen und es im Freien versuchen würde, Tuch und Geld abzunagen.“

„Von dem Augenblick an, als die Ratte in dem staubigen Rohr verschwand, machte ich mir Sorgen. Es gab unzählige Risiken. Die Ratte mochte den Faden, den ich in der Hand hielt, abbeißen oder andere Ratten konnten sich daran machen; sie konnte das Abflussrohr verlassen und die Nachricht an einer Stelle loswerden, wo niemand sie fände; tausend andere Dinge konnten geschehen. So vergingen einige nervöse Stunden, aber die Tatsache, dass die Ratte offenbar so weit gelaufen war, dass nur noch wenige Meter Garn in meiner Zelle verblieben, ließ mich hoffen, dass sie bis ins Freie gekommen war. In meiner Botschaft hatte ich Mr. Hatch genauestens angewiesen, was zu tun sei. Die Frage war nur: hatte sie ihn erreicht?“

„Nachdem alles erledigt war, konnte ich nur warten und neue Pläne schmieden, falls dieser fehlschlug. Ich versuchte ganz unverhohlen, den Wärter zu bestechen und erfuhr, dass er nur zwei Schlüssel zu den sieben Türen besaß, die zwischen mir und der Freiheit lagen. Dann ging ich daran, den Gefängnisdirektor weiter zu beschäftigen. Ich nahm die Stahlbeschläge aus den Absätzen meiner Schuhe und tat so, als wollte ich damit die Gitterstäbe meines Zellenfensters durchfeilen. Das brachte einige Aufregung und den Direktor dazu, an den Stäben zu rütteln, um festzustellen, ob sie noch fest verankert waren. Das waren sie – zu diesem Zeitpunkt.“

Der Direktor grinste wieder. Er hatte aufgehört, sich zu wundern.

„Mit diesem einen Plan hatte ich alles in die Wege geleitet, was mir möglich war und ich konnte jetzt nur abwarten“, fuhr der Wissenschaftler fort. „Es war nicht sicher, ob meine Nachricht ihr Ziel erreichte, ob sie überhaupt gefunden wurde oder ob sie nicht womöglich von der Ratte gefressen worden war. Und ich wagte es nicht, den dünnen Faden, der mich mit der Außenwelt verband, unbeobachtet zu lassen.“

„In dieser Nacht lag ich wach, aus Angst, ich könnte den leichteste Ausschlag des Fadens versäumen, der mir signalisierte, dass Mr. Hatch die Nachricht erhalten hatte. Gegen halb vier Uhr morgens spürte ich tatsächlich ein Zucken und wohl noch nie hat ein Gefangener des Todestraktes etwas herzlicher begrüßt.“

Die Denkmaschine hielt inne und wandte sich an den Reporter.

"Am Besten erzählen Sie von hier an weiter.“

„Das Päckchen wurde mir von einem Jungen gebracht, der auf dem Spielfeld hinter dem Gefängnis Baseball gespielt hatte“, sagte Mr. Hatch. „Ich erkannte sofort, dass hier eine Story zu holen war, also gab ich ihm zehn Dollar und besorgte mehrere Rollen Seidengarn, etwas Zwirn und eine Rolle dünnen, biegsamen Draht wie es in der Nachricht angeordnet worden war. Ich sollte mir außerdem den genauen Fundort zeigen lassen und um zwei Uhr nachts von dort aus mit der Suche beginnen. Sobald ich den Faden entdeckt hatte, sollte ich drei mal kurz und einmal lang daran ziehen.“

"Ich begann die Suche mit einer kleinen Taschenlampe. Nach einer Stunde und zwanzig Minuten stieß ich auf das Abwasserrohr, das zur Hälfte von Unkraut überwachsen war. Es war ziemlich groß, etwa zwölf Zoll breit. Dort fand ich das Schnurende, zog daran wie angewiesen und erhielt prompt Antwort.“

"Dann band ich das Seidengarn daran fest und Professor van Dusen fing an, es in seine Zelle zu ziehen. Ich bekam fast einen Herzanfall aus Sorge darüber, das Garn könne reißen. Als es eingezogen war, verknotete ich das Ende mit dem Zwirn und ließ später in gleicher Weise den Draht folgen. So hatten wir eine Verbindung gelegt, die keine Ratte mehr zernagen konnte und die von der Mündung des Abflusses bis in Zelle 13 hineinreichte.“

Die Denkmaschine hob die Hand und Hatch verstummte.

„All dies verlief in absoluter Stille. Aber als ich den Draht in meinen Händen hielt, hätte ich vor Freude darüber laut losjubeln können,“ sagte der Wissenschaftler. „Wir versuchten ein weiteres Experiment, auf das Mr. Hatch vorbereitet war. Wir probierten aus, ob man durch das Rohr miteinander sprechen konnte. Keiner von uns verstand den anderen allzu gut, aber ich wagte nicht, lauter zu reden. Ich versuchte mitzuteilen, was ich als Nächstes benötigte. Mr. Hatch schien aber einige Schwierigkeiten zu haben, das Wort ‚Salpetersäure‘ zu verstehen, weshalb ich mehrfach das Wort ‚Säure‘ wiederholte.“

„Plötzlich hörte ich einen Schrei über mir. Ich wusste sofort, dass jemand uns belauscht hatte und als ich Sie näherkommen hörte, Herr Direktor, habe ich mich schlafend gestellt. Hätten Sie in diesem Moment die Zelle betreten, wäre es mit dem Fluchtplan aus gewesen. Aber sie gingen weiter. Nie wieder waren Sie so nahe daran, meine Pläne zu durchkreuzen.“

„Wie Sie sich leicht vorstellen können, war es einfach, nach Belieben Dinge in meiner Zelle erscheinen und verschwinden zu lassen, nachdem die Verbindung erst einmal hergestellt worden war. Sie, Herr Direktor, konnten den Verbindungsdraht im Abflussrohr nicht erreichen, denn dafür sind Ihre Finger zu breit. Sehen Sie, meine sind länger und schmaler. Außerdem hatte ich noch eine tote Ratte davor platziert – Sie erinnern sich?“

“Ja, ich erinnere mich”, sagte der Direktor.

„Ich dachte mir, wenn jemand die Öffnung näher untersuchen mochte, würde die Ratte seinen Eifer schon dämpfen. Bis zur nächsten Nacht konnte mir Mr. Hatch nichts Brauchbares mehr durch das Rohr schicken, aber wir testeten die Verbindung, indem wir Wechselgeld für meinen Zehn-Dollar-Schein durchschleusten. Ich machte mich anschließend daran, eine Fluchtmethode auszuarbeiten.“

„Dafür musste ich den Wachmann im Hof daran gewöhnen, mich öfter am Zellenfenster zu sehen. Gelegentlich sprach ich mit ihm. Auf diese Weise erfuhr ich, dass das Gefängnis über keinen eigenen Elektriker verfügte, sondern von der Stromgesellschaft abhängig war, wenn etwas repariert werden musste.“

„Damit war der Weg zur Freiheit geklärt. Am letzte Tage meiner Gefangenschaft würde ich, sobald es dunkel wurde, das nahe meines Fensters verlaufende Stromkabel mit einem säuregetränkten Draht durchtrennen. Auf meiner Seite des Gefängnisses würde völlige Dunkelheit herrschen, während die Elektriker nach dem Fehler suchten. Außerdem konnte so Mr. Hatch in den Gefängnishof gelangen.“

„In der vierten Nacht, eine halbe Stunde, nachdem der Direktor meine Zelle verlassen hatte, besprach ich die Einzelheiten durch das Rohr hindurch mit Mr. Hatch. Er hatte erneut Schwierigkeiten, mich zu verstehen, so dass ich wieder mehrmals das Wort ‚Säure‘ wiederholen musste, ebenso wie ‚Hutgröße acht‘ – das ist meine.“

„Wie mir einer der Wärter am nächsten Tag erzählte, hat das einen Gefangenen zwei Stockwerke über mir dazu gebracht, einen Mord zu gestehen. Er hatte unsere Stimmen gehört, verzerrt natürlich, durch das Rohr, das bis zu seiner Zelle hinauf reicht. Die Zelle zwischen uns war leer, so dass niemand anderes etwas davon mitbekam.“

„Die eigentliche Arbeit bestand nun darin, die Gitterstäbe des Fensters und der Tür zu durchtrennen. Das gelang mit der ätzenden Salpetersäure, die ich in kleinen Fläschchen durch das Abflussrohr erhielt, nahm aber Zeit in Anspruch. Am fünften, sechsten und siebten Tag konnte draußen im Hof der Wachtposten beobachten, wie ich Stunde um Stunde am Fenster stand, während ich unbemerkt und mit Hilfe des in Säure getauchten Drahtes mich an der Vergitterung zu schaffen machte. Das Zahnpulver half mir dabei, ein ungehindertes Auslaufen der Salpetersäure zu vermeiden. Mir war aufgefallen, dass die Wärter nur an den oberen Gitterstäben rüttelten, wenn sie die Türen kontrollierten, weshalb ich die unteren durchätzte, bis sie gerade noch zusammenhielten. Das war allerdings reiner Übermut. So einfach hätte ich mich auf diesem Weg gar nicht davon machen können.“

Die Denkmaschine schwieg minutenlang.

„Ich glaube, damit wäre alles aufgeklärt“, fuhr er fort. „Alles weitere diente nur dazu, den Direktor und die Wärter zu verwirren. Die Sachen auf meinem Bett habe ich auf Wunsch von Mr. Hatch in die Zelle gebracht, um seine Story ein bisschen aufzupolieren. Die Perücke war natürlich für meinen Plan notwendig. Der Einschreibebrief wurde von mir in der Zelle mit Mr. Hatchs Füllfederhalter geschrieben und nach draußen geschleust, er hat ihn dann für mich aufgegeben.”

„Aber wie konnten Sie denn nun das Gefängnis verlassen und erneut durch das Tor eintreten, um in mein Büro zu gelangen?“, fragte der Direktor.

„Ganz einfach“, sagte der Wissenschaftler. „Wie ich bereits andeutete, habe ich das Stromkabel mit Säure zersetzt. Daher funktionierte der Schweinwerfer nicht, als es dunkel wurde und man ihn einschalten wollte. Ich wusste, es würde einige Zeit dauern, bis der Schaden entdeckt und behoben war. Als der Wachtposten bei Ihnen war, um davon zu berichten, war es auf dem Hof stockdunkel. Ich zwängte mich durch das schmale Zellenfenster, durch das ich gerade so hindurch passte, setzte die Gitterstäbe wieder ein und verbarg mich solange im Dunkeln, bis die Elektriker eintrafen. Einer von ihnen war Mr. Hatch.“

„Als ich ihn erblickte, zeigte ich mich und er warf mir eine Mütze und einen Overall zu, den ich keine drei Meter von Ihnen entfernt, Herr Direktor, auf dem Hof anzog. Dann rief Mr. Hatch mich zu sich als sei ich einer seiner Arbeiter. Wir gingen zum Tor und taten so, als wollten wir etwas aus dem Wagen holen. Der Wachtposten ließ uns bereitwillig hinaus, er hatte die Elektriker ja gerade erst hereingelassen. Wir zogen uns um und kehrten zurück, um bei Ihnen vorstellig zu werden.“

Mehrere Minuten lang herrschte Stille. Dr. Ransome ergriff als Erster das Wort.

„Wunderbar!“, rief er aus. „Einfach unglaublich.“

„Wie konnte Mr. Hatch zu den Elektrikern stoßen?“, fragte Mr. Fielding.

„Sein Vater ist der Leiter der Stromgesellschaft“, antwortete die Denkmaschine.

„Aber wenn es keinen Mr. Hatch gegeben hätte?“

„Jeder Gefangene hat draußen einen Freund, der ihn auf die eine oder andere Weise unterstützen kann.“

„Angenommen – nur mal angenommen – es hätte kein verwaistes Abflussrohr gegeben“, fragte der Direktor neugierig.

„Es gab noch zwei andere Fluchtwege“, erwiderte die Denkmaschine geheimnisvoll.

Zehn Minuten später läutete das Telefon. Es wurde nach dem Direktor verlangt.

„Aha, das Licht ist wieder in Ordnung?“, fragte er in den Hörer. „Gut. Stromkabel neben Zelle 13 wurde durchtrennt? Ja, ist mir bekannt. Was? Ein Elektriker zu viel?“

Der Gefängnisdirektor drehte sich verwirrt zu den anderen um.

„Er sagt, vier Elektriker wurden reingelassen, zwei gingen raus, aber drei seien noch übrig.“

„Für die Überzahl habe ich gesorgt“, sagte die Denkmaschine.

„Oh“, sagte der Direktor. „Richtig.“ Dann in das Telefon: „Lassen Sie den fünften Mann gehen. Es ist in Ordnung.“


(Übersetzung und Bearbeitung: Roland Graffé)